Mein erster Schritt zum Blog - über Gewahrsam, Widerstand & Angst ... ... ...  (April 2022)

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Ich habe mich zu einem Blog entschieden.

Das ist ein Schritt für mich. Ein Schritt mich zu erweitern und meine persönlichen Grenzen ein Stück zu überschreiten. Moderates Risiko ... möglicherweise der Schritt zu einer Idee eines Buches. 

Achtsamkeit: Was nehme ich in mir wahr?

Auf einer Wanderung in den letzten Tagen habe ich tief in mir gespürt, dass ich mehr schreiben möchte... meine Gedanken, Gefühle & Impulse mit Menschen teilen möchte. 

Eine kleine Aufgeregtheit, etwas gesteigerter Herzschlag. Mein Blut wallt durch meinen Körper. 

Während meine Augen entspannen, ist meine Aufmerksamkeit mal 2-3 Stunden nicht so sehr auf dem Wanderweg, sondern in meiner Phantasie. Ein inneres Bild entsteht. Wenn ich ein Wort dafür suche, taucht „Vision“ auf. Eine Vision von „Ich teile mich mit.“ Ich mache etwas offen, öffentlich, was in mir ist. Als ich diese Worte finde kommt eine Welle der Erregtheit über mich. Moderat ;-)

Widerstände: Der Anfang.

Im Vorfeld gab es Widerstände: Alles andere ist wichtiger, interessanter, ich kann jetzt noch nicht, habe keine Zeit, es gibt schon genügend Millionen Blogschreiber*innen.

Jetzt zu beginnen, fühlt sich gut an. Ein Schritt. Ein erster Schritt, den ich gehe. Meine leichte Aufgeregtheit rückt wieder in mein Bewusstsein. Eigentlich nicht unangenehm. Es fühlt sich sehr wach an. 
Nach wochenlanger Enge und Druck in meiner Brust.

Und jetzt, wo ich schreibe, auch leicht. Es fließt.

Diese Erfahrung habe ich im Laufe der letzten Jahre auch schon gemacht. Ich habe gelernt, mich besser zu verstehen und das, was in mir passiert, sicherer zu deuten: Das Abwenden, das Zugreifen, die Aufregung, die Begeisterung, Euphorie und auch Angst.

Ich liebe diese starken Gefühle mittlerweile. 

Viele Jahre in meinem Leben habe ich meine Gefühle weggedrückt, kompensiert, nicht wahr genommen, mich für diese geschämt. 

Meine Begeisterungsfähigkeit und meine Traurigkeit, meine Sehnsucht und auch meinen Scham. Alles war mir irgendwie zu viel. 

Im Laufe der Jahre werden sie mehr und mehr meine Kumpels. Nicht immer und überall, aber im Grunde gehören sie zu mir. Und ich habe meine Gefühle viel mehr zu schätzen gelernt. Schätze das, was sie mir helfen zu bewegen. Wo sie mir helfen und auch wo es gilt sie zu überwinden und zu überschreiten. Gerade zum Beispiel die Angst.

Angst als Sparringspartner.

Meine Angst ist mein Sparringspartner. Sie fordert mich immer wieder heraus. Mittlerweile fordere auch ich sie heraus. Indem ich an einigen Stellen bewusst auf sie zuschreite und gucke was ich ihr abluchsen kann. Sie ist meine gute Beschützerin. Aber es gilt auch immer ihr Territorien, die sie besetzt hat, wieder abzuringen.

Manchmal denke ich, wie offen darf ich als Begleiterin für Menschen sein ... auch dies ist eine meiner Angst. Doch auch diese darf sein und ich habe mich bewusst für den offenen, authentischen Weg entschieden ... 
und dies tatsächlich nicht erst auf der Wanderung, bei welcher, die Idee zu diesem ersten Blog-Eintrag entstand. 

Gewahrsein, Widerstände und Ängste, welche Rolle spielen diese Themen in Ihrem/Deinem Alltag?


Wie ich wohlwollende Begleitung verstehe ... ... ... (Mai 2022)

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Sie treten ein und fühlen sich willkommen.

Bei allem, was Sie äußern, wie sie sich geben, werden Sie nicht bewertet, sondern wohlwollend angenommen. Sie erfahren Wertschätzung für Ihr So-geworden-Sein, auch und gerade für die Anteile, mit denen Sie selbst auf Kriegsfuß stehen.

Ihr Gegenüber macht Sie behutsam darauf aufmerksam, wie Sie sich verhalten, behindern, wie Sie ausweichen, kluge Erklärungen finden, unklar werden …

 
Zunächst hören Sie vielleicht nur Kritik, machen daraus „Ich bin falsch, ich bin unzureichend!“, bemerken Ihr Unwohlsein gar nicht und verkriechen sich schnell wieder in Ihrem Schneckenhaus der eingeübten Verhaltensmuster: Schutz und Verteidigung durch Rückzug. Andere werden vielleicht laut oder beißen (verbal) um sich, finden noch mehr Argumente …

Nun bringt Ihr Gegenüber dieses Verhalten in den Fokus. Erstaunlicherweise bleibt sein Wohlwollen erhalten. Sie erfahren im Austausch, dass die Rückmeldungen keine Aufforderungen sind, anders sein zu sollen, sondern einfach Beschreibungen dessen, was und wie Sie alles sind. Zunächst schämen Sie sich vielleicht dafür, dass jemand Sie so sieht. Tränen fließen. Auch das ist gut aufgehoben und wird gehalten. Niemand versucht, Ihnen irgendetwas ein- oder auszureden.

Das ist der Ausgangspunkt.

Das erleben Sie bei allen Schwierigkeiten, Problemen, Nöten, die Sie im Therapieraum ausbreiten: Sie werden von allen Seiten betrachtet, gewürdigt. Und dann können Sie probehalber ungewohnte Perspektiven entwickeln, etwas Anderes versuchen, neue Erfahrungen machen. Wenn Sie das wollen. Wenn nicht, richtet sich die Aufmerksamkeit Ihres Gegenübers vielleicht auf diese Weigerung: wofür ist sie wichtig, was gilt es zu schützen, oder wie kriegen Sie etwas nicht hin. Oft hilft Humor, mit dem Gefühl der Unzulänglichkeit oder gar des Versagens umzugehen.

So lernen Sie allmählich, Ihre Macken und Begrenzungen anzunehmen, neue Möglichkeiten eröffnen sich, das Leben fühlt sich runder an. Lebenswerter. Es gibt Momente tief empfundener Freude, großer Zufrieidenheit, innerer Ruhe und Stärke.

Wenn Festhalten nur noch Energie kostet ... ... ...  (Juni 2022) 

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Was bedeutet es, sich dem Fluss des Lebens hinzugeben? Was heisst es, ohne Macht, sprich ohn-mächtig zu sein? Die Natur kennt kein Ego. Sie übt keine Kontrolle aus und will nicht ständig dies und das......Wir Menschen befinden uns jedoch ständig im Konflikt mit unserem Ego und versuchen unser Leben zu steuern, zu planen und zu kontrollieren. Das kann auf Dauer sehr anstrengend sein.

Ich habe manchmal Schwierigkeiten loszulassen - nicht umsonst begleite ich Menschen zu diesem Thema ;-)) ..

Loszulassen von Vertrautem, von Gewohntem, von etwas Lieb-gewordenem, vielleicht aber auch von Dingen, die gar nicht mehr zu mir passen. Letzeres begegnet mir derzeit "mal" wieder in meinem Leben.

Dieses Festhalten kostet aber viel Energie und führt zu innerer Anspannung, sodass sich das Leben schwer und erschöpfend anfühlt. Wie kann es demnach leicht gehen? Wie können wir in den Fluss des Lebens eintauchen?
Das Zauberwort heisst Hingabe. Aber dazu braucht es Mut. Mut, sich neuen Situationen auszusetzen, nicht zu wissen was kommt. Und DAS anzunehmen.

Wenn es nicht mehr weiter geht, dann geht es darum die Leere "auszuhalten", die aber nur scheinbar nahezu sinnlos ist. Verwirrung taucht auf und Angst beherrscht das Ego. Es entsteht eine Lücke zwischen dem, was vertraut war, dem Jetzt und der Zukunft. Wir können zwar zu den alten Rollen zurückkehren, jedoch findet dort kein Wachstum statt.

Und es braucht Geduld, wie auch Reiner Maria Rilke in seinem wunderbaren Gedicht schreibt:

Über die Geduld

"Man muß den Dingen
die eigene, stille,
ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt,
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann;
alles ist austragen – und
dann gebären ….

Reifen wie der Baum, der seine
Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen
des Frühlings steht,
ohne Angst,
daß dahinter kein Sommer
kommen könnte.

Er kommt doch!

Aber er kommt nur zu den
Geduldigen,
die da sind, als ob die
Ewigkeit vor ihnen läge,
so sorglos still und weit.

Man muss Geduld haben
Mit dem Ungelösten im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt,
lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antworten hinein."

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

Von Fehlern und unserem persönlichen Navi ... ... ... (Juli 2022)

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Wo geht’s lang?

Beim Wandern gehe ich durchaus auch mal intuitiv... Möchte ich ein Ziel erreichen, nutze ich die gut ausgebauten Wanderwege mit Wegemarkierungen oder eine App.

Und wie funktioniert so ein Navi fürs Leben?

Woher wissen wir, welche Richtung wir nehmen müssen? Welche Wahl zu treffen ist, im Großen wie im Kleinen…?

Täglich müssen wir aus der überdimensionalen Fülle wählen.

Schon längst ist bei vielen von uns die Begeisterung der Wahlfreiheit einer enormen Überforderung gewichen.

Und wenn es dann auch noch um die Berufswahl, die Lebenshaltung oder das Beziehungsmodell geht – sind das Entscheidungen, die unser Leben prägen werden und scheinbar nicht so leicht rückgängig gemacht werden können (oder doch ... ;-)). 

Und daher – bloß keinen Fehler machen und gut drüber nachdenken!

Nur kann das Nachdenken auch schon mal so lange dauern, dass darüber die Entscheidung gar nicht erst getroffen wird. Überhaupt denken wir lieber nach anstatt zu handeln, denn wer handelt und ausprobiert, macht auch Fehler.

Nun haben wir in unserer langen Schulzeit aber gelernt, dass Fehler machen bestraft wurde – vielleicht nicht mehr mit dem Stock, so doch aber mit dem Rotstift. Und auch der verfehlte seine Wirkung bei den meisten nicht – Schuld und Scham stellten sich ein. Strichlein für Strichlein.

Wie viel Rotstift verwenden wir heute selbst für unser Leben, so wie es vor uns liegt..?

Ich will hier nicht drüber schreiben, WAS richtig und falsch ist, sondern WIE wir das, was wir als falsch erkannt haben, betrachten mögen.

Wie schauen wir auf unsere Fehler?

Dürfen sie sein? Erkennen wir ihre Botschaft für unser Leben?

Ihren Hinweis und ihre Empfehlung für unseren Weg?

Wenn ja, verspüren wir sicher mehr Lebensfreude in unserem Alltag und weniger Angst davor, falsche Entscheidungen zu treffen als diejenigen von uns mit dem Rotstift in der Hand.

Nun hat uns vielleicht niemand je gesagt, dass Fehler machen zum Leben dazugehört? Niemand uns je Fehlerfreundlichkeit gelehrt?

Uns vorgemacht wie es geht, aus ihnen wirklich etwas zu lernen?

Fehlermachen ist kein Grund für Scham und Resignation (selbst wenn der Fehler an sich übel sein kann), sondern es birgt die Chance zu lernen in sich: Hat A nicht funktioniert oder nur Leid mit sich gebracht, versuchen wir es mit B. Und sind wir A dankbar dafür, B zu versuchen.

Mit diesem Blick werden wir gütiger, wertschätzender uns selbst gegenüber. Wir werden beweglicher und werden mehr erleben und erfahren können, denn wir erstarren nicht vor der Angst, Fehler zu machen.

Die Technik unseres persönlichen Navis ist nicht perfekt. Wir nehmen falsche Abzweigungen und werden dann Schritt für Schritt „zu uns zurück“ finden müssen. So lernen wir uns und das Leben kennen.

Das ist alles so anstrengend ... ... ... (August 2022)

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DAS IST ALLES SO ANSTRENGEND

Wann hast du dich das letzte Mal beklagt, dass dein Alltag so anstrengend ist und dir alles zu viel wird? 

Nicht mein Alltag oder Egal-wer-oder-was strengt mich an, sondern ICH strenge MICH an.

Mit meinem Denken: „DAS ist alles so anstrengend“ bleibe ich der Hektik des Lebensalltags ausgeliefert und sehe keine Möglichkeiten, mein Leben zu verändern oder zu gestalten.

Spür`mal rein, wie sich der Satz anfühlt: „Das ist alles so anstrengend“

und ersetze durch: „Ich strenge mich an“.

Fühlst du den Unterschied?

Denkst du „Ich strenge mich an“ wirst du zum Handelnden, zum Verantwortlichen. Du kommst in den in den Moment, du bist bei dir.

Und wir können noch einen Schritt weitergehen und uns fragen:

„WIE strenge ich mich an?“

ICH strenge MICH z.B. an,

- indem ich all meine Aufgaben der nächsten Zeit wie einen riesigen Berg vor mir sehe, statt auf das zu schauen, was gerade ansteht,

- indem ich es anderen Menschen Recht machen möchte, statt meine Grenzen zu beachten,

- in dem ich in Gedanken immer ein paar Schritte voraus bin, anstatt mehr im Moment zu bleiben.

 

Bruno-Paul de Roeck (aus „Gras unter meinen Füssen – eine ungewöhnliche Einführung in die Gestalttherapie“) schreibt:

„Mit der Antwort auf die Frage „Wie“ werden wir uns bewusst, was wir tun. Solange wir unbewusst unseren Gewohnheiten nachgehen, lassen wir uns treiben. Wird uns bewusst, was wir tun, können wir wählen: alles so lassen, wie es ist oder etwas verändern.“

Ich kann mir also überlegen: Will ich mich hier anstrengen? Oder will ich das nicht?

Beide Entscheidungen sind okay. Selbst wenn ich mich entscheide, mich weiter „anzustrengen“, ist dies dann ein bewusster Schritt.

Wir entdecken, dass wir Wahlmöglichkeiten haben. Wir verlassen die passive „Ich-lass-mich-durchs-Leben-treiben-Haltung“ und gelangen in die aktivere „Ich-kann-wählen-Position“ .

Wird uns bewusst, wie wir mit uns selbst umgehen, können wir uns entscheiden, andere Möglichkeiten auszuprobieren und zu erleben, wie das ist.

Frag´dich das nächste Mal bei einem Gedanken wie: Das ist alles so anstrengend, das ist alles so stressig, das ist alles so schwer.

• WIE strenge ich mich gerade an?

• WIE stresse ich mich gerade?

• WIE mache ich es mir gerade schwer?

 

In diesem Sinne "unanstrengende" Zeiten.

Mehr Mut zur Wut ... ... ... (September 2022)

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Mehr Mut, zur Wut! 

Es gibt Emotionen, die in unserer Gesellschaft wenig Platz haben. Da sind zum Beispiel Neid, Angst oder Wut. Sie werden als negativ und destruktiv angesehen und wir sollten sie eigentlich besser nicht fühlen. Wir sollen nicht neidisch sein, da Neid für fehlendes Selbstwertgefühl steht. Wir sollen keine Angst zeigen, weil uns das schwach aussehen lässt. Und Wut ist sowieso ganz schlecht. Dabei sind es genau diese Emotionen, die uns, wenn wir ehrlich sind, regelmäßig begegnen - sie gehören zu den grundlegenden Emotionen eines Menschen.
 In der manchmal alltäglichen Oberflächlichkeit unserer Gesellschaft haben sie allerdings wenig Platz. Nach Möglichkeit geht es uns blendend, lächeln wir durchgehend und haben wir für alles Nachsicht und Gelassenheit. Da wir gelernt haben, dass solche Emotionen nicht gut sind, versuchen wir sie zu verdrängen und fühlen uns schlecht, wenn wir sie dann doch mal empfinden.

Heute möchte ich ein Plädoyer für die Wut schreiben 😉

Wut ist eine Kraft, die Großes zerstören und ebenso Großes erschaffen kann. Wut ist Handlungskraft Nummer eins. Wir haben oft gelernt, dass wütend zu sein “falsch” sei.

Beim Aufbäumen von Wut haben wir zwei Möglichkeiten: Wir ergreifen die Flucht und bleiben mit unserer angestauten Wut alleine oder wir erlauben uns einen Wut-Ausbruch. In beiden Fällen fühlen wir uns meist im Nachhinein schlecht. Ein ungutes Gefühl bleibt zurück, welches wir versuchen zu unterdrücken. Stattdessen suchen wir Versöhnung und den schnellsten Weg zurück zur Harmonie. Wir spalten unsere Wut einfach ab. 

Dabei übersehen wir die natürliche Funktion der Aggression. Sie ist eine treibende Kraft bei der Selbstbehauptung. Sie hilft uns Grenzen aufzubauen, uns zu positionieren, schlicht mit der Welt zu agieren. Unsere Wut zu unterdrücken, verhindert einen echten, authentischen Kontakt zu anderen.

Wenn wir es schaffen unseren Ärger und unsere Wut zu akzeptieren und diese Gefühle angemessen zum Ausdruck zu bringen, bekommen wir die Chance uns im Ganzen anzunehmen. Wir beginnen alle Emotionen und Gefühle ernst zu nehmen. Das Potenzial von Wut ermöglicht uns stärker für uns einzustehen, fehlenden Respekt und Grenzen einzufordern. Auch dient sie uns als Indikator, wenn wir bei unserem Gegenüber zu weit gehen. Wir können die Kraft nutzen unsere Interessen und Bedürfnisse deutlicher einzufordern. Wut kann ein guter Ausgangspunkt für Veränderung sein, um sich selber mehr wertzuschätzen.